olfaktorische Angriffe

Veröffentlicht auf von M.

(olfaktorisch = den Geruchssinn betreffend)

Nichts trifft mich so unmittelbar und nachhaltig wie ein schlechter Geruch oder besser: schlecht „duftenden“ Menschen.

Und damit meine ich nicht nur ungewaschene Menschen. Ich weiß nicht, ob die, von denen ich gleich mehr schreibe, so schlecht riechen können, dass sie ihren schlechten Duft nicht wahrnehmen. Ich neige eher zu der Annahme, dass sie sich selbst als wohlduftend wahrnehmen.

Bah, diese Parfums und Rasierwasser, so leicht pudrigre, oft auch gepaart mit honigmelonigen Nuancen, die senden mir sofort und ohne Umweg einen Fluchtgedanken ins Hirn und dabei schaltet nach 2 ! Sekunden das Schmerzzentrum auf Schmerz –Kopfschmerz,der ersten Güte.

Bei anderen unangenehmen Sinneseindrücken, kann ich die Augen zu machen, mir die Ohren zuhalten, etwas anderes essen oder einen Schluck Wasser trinken, ich kann warten bis die Reizleitung zum Hirn einen Schmerz abschaltet oder nehme im schlimmsten Fall ein Medikament, aber ein Geruch setzt sich fest bei mir.

Grauselig: morgens im Winter in der U-Bahn, alles steht dicht an dicht und dann steigt so ein frisch parfümierter Mensch ein. Ich würde am Liebsten die Notbremse ziehen und sofort aussteigen, denn diese Duftwolke wabbert durch die Bahn. Oder morgens bei der Arbeit, ich bin noch nicht ganz wach, aber schon rieche ich, welcher Dufttragende vor mir den Gang benutzt hat. Ich kann dem nicht entgehen und auch wenn ich sofort Gegenmaßnahmen (Flucht ans andere Ende, diskretes Nasezuhalten) ergreife, hat mich der olfaktorische Reiz schon angegriffen. Zu spät ist es immer und so verbringe ich dann die nächsten Stunden mit Kopfschmerzen.

Es sind wahrlich nicht immer diese billigen Wässerchen, die mir auf die Nase schlagen, auch Jil Sanders „Sun“ gehört in diese Kategorie.

Oder im Büro: da verbringe ich eben auch mal 30 bis 90 Minuten mit einem Menschen, den ich einfach nicht riechen kann. Es gehört zu meinen Aufgaben Menschen zu beraten, dazu muß ich auch eine gute Gesprächsatmosphäre herstellen, aber wie schwer mir das fällt, wenn alles in mir schreit: Schmerz!, flüchte! oder reiß wenigstens alle Fenster auf. Und wenn dieser Mensch dann gegangen ist, hat er doch seine Duftmarke gesetzt. Ich lüfte das Büro, gehe an die frische Luft, versuche meine Nase zu beruhigen, nehme eine Kopfschmerztablette und versuche, die Geruchserinnerung zu löschen.

In solchen Momenten hoffe ich, dass es anderen Menschen mit mir nicht ebenso ergeht. Ich verzichte auf Parfum, wenn ich zum Sport, zur Ärztin oder zur Physiotherapeutin gehe, kaue ein Kaugummi, wenn ich mir nicht schnell die Zähne putzen kann ...

Mein Geruchssinn ist noch immer in der Steinzeit – gut im Kleinhirm verankert, ist der Geruchssinn der unmittelbarste und effektivste Sinn, um Freund oder Feind zu erkennen.

Veröffentlicht in die sinne

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