Privatsphäre

Veröffentlicht auf von M.


Am Freitag bin ich nach Monaten mal wieder mit der Straßenbahn gefahren.


Eigentlich habe ich früher das Bahnfahren gemocht, konnte ich doch - mehr oder weniger unbemerkt - Leute beobachten und mir so meine Gedanken zu ihnen machen.

Was mag sie wohl arbeiten? Was liest er denn da? Ob die beiden dahinten sich schon lange kennen? Was haben die Freundinnen ganz hinten in der Bahn wohl so zu kichern?

Und ich konnte Blickkontakt aufnehmen, wenn ich es wollte oder einfach ganz versunken aus dem Fenster schauen oder ein gutes Buch lesen.


Das ist heute nicht mehr möglich.

Heutzutage werde ich an den Leben um mich herum beteiligt! Ich kann gar nicht umhin, den Gesprächen zuzuhören. Werde an Dramen und Banalitäten beteiligt, erfahre Dinge, die ich gar nicht wissen wollte.

Alle Welt, von der Grundschülerin bis zum Greis,  nutzt die Zeit – und das Publikum? - in der Bahn nun, um sich selbst zu inszenieren.

Sieh her, welches tolle Handy ich habe. Nimm teil an meinem Beziehungschaos, ich kann immer wieder „nein“ sagen und es sogar laut schreien. Verstehe, ich habe viele Freunde, die wissen wollen, an welcher Haltstelle „meine“ Bahn gerade hält. Ach, und weil du meine Klingeltöne noch nicht kennst, spiele ich sie dir alle gern mehrmals vor

Und das macht nicht nur eine Person, sondern ungefähr ein Viertel der Bahnfahrenden (nachmittags sogar fast jede/r Zweite).


Ich frage mich, warum haben die Menschen heute so wenig Achtung vor ihrer eigenen – und meiner! – Privatsphäre.

Wenn manche (die meisten?) Menschen, durch ihre ständige Erreichbarkeit mittels Handy immer und überall für jede/n erreichbar sind, erinnert mich das doch sehr an Sklaverei – und auch darin gibt es kaum Privatsphäre.


 

Wie schön war doch die Zeit, als jede und jeder in den eigenen vier Wände (oder eben auch mal in einer geschlossenen Telefonzelle) Anrufe tätigte und dabei ohne Publikum auskam.




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