Der Kirschbaum

Veröffentlicht auf von M.

Gepflanzt wurde er so etwas 1921, 1922  oder - die Vorstellung gefällt mir auch- ein paar Jungen übten sich im Kirschkernweitspucken und aus einem Kern wurde ein Baum.

Mitten im Hof, ein paar Schritte von der Längsseite eines Hinterhauses, wuchs er zu einem stattlichen Exemplar heran. Kinder kletterten darin herum oder spielten darunter. Es gab viele Kinder in der Zeit als auch der Baum noch jung war, denn die Wohnungen in den gerade gebauten Häusern waren besonders für Familien attraktiv. Die Hausfrauen aus den umliegenden Häusern klopften in seiner Nähe ihre Teppiche aus, saßen sommers in seinem Schatten und verarbeiteten das Obst und Gemüse, dass sie aus den gegenüberliegenden Gärten ernteten. Vielleicht trafen sich bei Einbruch der Dunkelheit unter dem Baum auch Nachbarn auf einen Plausch. Reich bevölkert war dieser Baum: unzählige Generationen von Meisen, Amseln, Spatzen, Rotschwänzchen und anderen Vögeln, fanden nicht nur Nahrung, sondern auch ein ruhiges Plätzchen, um die Brut aufzuziehen.

Ich habe den Kirschbaum vor nicht ganz drei Jahren kennen gelernt, als ich auf Wohnungssuche war. Und seit dem heißen Sommer 2006 beschattete er jetzt meine Wohnung und schirmte mich ein wenig von den Blicken aus dem Büro im Hinterhaus ab. Alt war er, ausladend und knorrig, die Äste setzten mittlerweile so hoch an, dass kein Mensch mehr die Kirschen ernten konnte – welch Festschmaus für die Vögel und Igel im Hof. Von meinem Balkon aus, beobachte ich die Flugstunden der jungen Vögel in der Kirsche, die Fledermaus die rings um den Baum in der Dämmerung reiche Beute machte und ab und zu sah ich einen Igel darunter wuseln. Im Frühling blühte der Kirschbaum so reichlich, dass man meinte mitten im Hof sei eine riesige Wolke aus Blüten gestrandet. Im Sommer spendete er mir Schatten und im Herbst sein Laub, mit dem ich die empfindlichen Pflanzen auf meinem Balkon abdecken konnte.

Das alles ist jetzt Geschichte.


Am Samstag vor einer Woche machten sich meine Vermieter daran, den Baum zu fällen. Mittels einer Hebebühne beraubten sie ihn erst nach und nach seiner Äste, dann kürzten sie Stück für Stück den Stamm. Und nun ist von dem stattlichen Baum nur noch ein Stumpf von etwa zwei Meter Länge übrig, der auch bald abgeholzt werden soll. Der Baum sei zu alt und krank, er drohe auf das Dach des Hinterhauses zu stürzen, hieß es.

Von meinem Schreibtisch aus sehe ich auf diesen Rest des Kirschbaums und trauere um ihn. Er fehlt mir sehr. Jetzt besteht für mich der Blick aus dem Fenster, vom Balkon aus nur noch aus Ansichten auf die umliegenden Häuser und ich frage mich, wo all die Vögel bleiben werden, ob die Fledermaus wieder kommen wird.

Ja, ich weiß, der Lauf der Dinge, die Natur, der Wandel, Veränderungen  ....  und global gesehen gibt es Schlimmeres, aber: mein Freund, der Baum ist fort.





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