Mediale Verantwortung

Veröffentlicht auf von zeh kah

  Die aktuellen Diskussionen um Amokläufe an Schulen und die daraus resultierenden Schuldzuweisungen an die sogenannten Killerspiele lösen immer wieder Diskussionen über die Beweggründe und Entstehungsursachen solcher Vorfälle aus. Mir ist es diesbezüglich wichtig einmal an die Öffentlichkeit heranzutreten um vermeintlichem, von den Medien unterstützten, Schubladendenken contra zu bieten.

 

  Anhand der folgend Titelseitenüberschrift einer Tageszeitung in Hannover möchte ich einen Einstieg finden in die oft sachlich nicht richtig geführte Diskussion.

 

„Niedersachsen will Computerspiele als Droge verbieten“

(Hannoversche Allgemeine Zeitung 16.03.09)

 

  Wie soll es möglich sein, Computerspiele, welche aus dem Freizeitverhalten vieler Jugendlicher oft nicht mehr wegzudenken sind „als Droge“ zu verbieten?  Diese Überschrift möchte dem Leser vermutlich vermitteln, dass Computerspiele süchtig machen können und eine Gefahr darstellen. Im Artikel wird auf „Die Anzahl der jugendlichen Computerspielsüchtigen in Deutschland“ verwiesen. Interessant ist diese Behauptung, weil es Computerspielsucht laut der internationalen Klassifikation ICD-10 überhaupt nicht gibt. Diesen inflationären Umgang mit dem Begriff Sucht sehe ich kritisch. Wie sollen Jugendliche das Ausmaß einer Suchtkrankheit einschätzen können wenn überall in den Medien lapidar mit dem Begriff „Sucht“ umgegangen wird. Beruflich bedingte Beobachtungen an Schulen und in der offenen Jugendarbeit, und hierbei gerade auch bei Jungen zeigen mir, dass viele sich selber als „süchtig“ bezeichnen ohne wirklich an den krankhaften Zügen einer Suchterkrankung zu leiden. Häufig befinden sie sich in einer jugendtypischen, exzessiven Lebens- und Nutzungsphase. Wir kennen diese Phasen auch beim Alkohol und Cannabiskonsum. Doch der Weg zu einer Sucht ist hierbei noch weit bzw. sollten erst noch genauere Wissenschaftliche Studien abgewartet werden, und geprüft werden ob es wirklich zu einer Computerspielsucht führen kann. Der allergrößte Teil der Jugendlichen kommt ohne Probleme und fremde Hilfe aus seinem exzessiven Verhalten raus. Nur ein ganz kleiner Teil wird später mit echten Suchtproblemen konfrontiert sein. Wie soll dieses Problembewusstsein bei jungen Menschen thematisiert werden, wenn sich viele schon in frühen Stadien selber als „süchtig“ bezeichnen und dann eigenständig diese „Sucht“ wieder verlassen? Wie kann ein Problembewusststein bzw. ein kritischer Umgang mit Medien und Rauschmitteln gelehrt werden wenn Begrifflichkeiten extrem falsch genutzt werden?    

 

  Entstanden ist diese nicht gerade neue Diskussion um das Verbot von Killerspielen aus dem aktuellen Schulmassaker in Winnenden. Es war der Suizid eines Jungen der an Depressionen litt und für sich keinen Ausweg mehr aus seiner Problemlage sah. Als letzten großen „Auftritt“ sah er vermutlich die Chance nicht nur sich sondern auch anderen das Leben zu nehmen, um hierüber noch einmal als großen Hilferuf auf seine Probleme aufmerksam machen zu können. Nicht zum ersten Mal stürzten sich sogleich die Medien auf solch ein grausames Massaker.  Tagelang wurde gemutmaßt welches die Beweggründe für dies Tat war und schnell wurden Argumentationsstränge formuliert, die nur eine vermeintliche Schuld in den Killerspielen am PC formulierten. Doch was ist mit der Biografie des Junge, welche Schicksale hat er in seinem Leben bisher durchlebt, welche genaue Krankheitsdiagnose lag bei ihm vor und welche Beweggründe könnten noch Schuld an diesem Massaker gewesen sein? Fragen die anscheinend keine schnelle und einfache Antwort zulassen und aus diesem Grund nicht für unsere Medien geeignet sind. Mit genaueren Problemanalysen lassen sich die Verkaufszahlen der Zeitungen nicht pushen. Der Bürger möchte eine einfache Antwort auf ein komplexes Problem, doch das kann, wenn gewissenhaft mit dem Thema umgegangen wird, nicht geliefert werden.

Ich sehe auch bei diesem Beispiel wieder einmal eine mediale Verantwortung, welche nicht beachtet wird. Gerade das Thema Suizid, und meiner Meinung nach hat Tim K. in Winnenden einen solchen vollzogen, wird nach wie vor in Deutschland häufig unsensibel und bedenkenlos ausgeschlachtet.

 

  „Amokläufe an Schulen sind heute zu einer traurigen Kulturerscheinung geworden. Das Schulmassaker an der Columbine High School in Littleton im Jahre 1999 war dabei stilprägend. Die Choreografie moderner Schulmassaker baut auf dem Columbine High School Massacre auf – martialische Inszenierung, schwarze Kleidung, sorgsame Planung und der Vorsatz, möglichst viele Opfer mit sich in den Tod zu reißen. Auch die deutschen Schulmassaker in Erfurt, Emsdetten und Winnenden erinnern in ihrer Choreografie an Littleton. Wenn man also zwanghaft nach einer Vorlage für die Tat in Winnenden sucht, so wird man schnell fündig. Es erscheint daher auch reichlich abstrus, Computerspiele á la Counter-Strike als Auslöser und Vorbild in den Medienfokus zu zerren. Während die Parallelen zwischen dem Schulmassaker in Winnenden und Ego-Shootern nur mit großer Phantasie zu finden sind, liegen die Parallelen zwischen Winnenden und anderen Schulmassakern auf der Hand. Vorbild für den Amokläufer waren also weniger Pixelkrieger in der virtuellen Welt, sondern andere Amokläufer in der realen Welt. Der Ruf nach einer freiwilligen Selbstkontrolle der Medien wäre demnach begründeter als der Ruf nach einem Verbot von Killerspielen“. (Zitat aus dem Web Blog: Der SPIEGELFCHTER: http://www.spiegelfechter.com/wordpress/498/winnenden-und-die-schuld-der-medien. vom 12. März 2009)

 

  Die mediale Inszenierung kann schnell zum Werther-Effekt führen. Schon 1774 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther“. Aufgrund des Protagonisten in dem Roman fühlten sich viele junge Leser inspiriert und es folgte eine Reihe von Selbsttötungen. Dieser Effekt ist auch in heutiger Zeit zu beobachten. So folgte zum Beispiel 1981 auf den Freitod in einer Fernsehserie eine Zunahme um 175 % bei den Eisenbahnsuiziden unter 15- 19 jährigen Schülerinnen und Schülern.

 

  Sind sich die Medien eigentlich dieser Verantwortung bewusst? Sollten wir in Zukunft nicht genauer schauen, welches die echten Beweggründe für Fremd- und Selbsttötungen sind? Sollten Begriffe wie z. B. Sucht und Droge nicht differenzierter formuliert werden? Lohnt es sich nicht genauer hinter die Fassaden zu schauen anstatt sich mit einfachen Erklärungsmustern abzufinden? Die Abschaffung bestimmter Computerspiele oder eine Schuldzuweisung gegenüber bestimmten Spielen ist ein Weg der leicht beschritten werden kann aber keine ursächlichen Probleme beheben wird.

Veröffentlicht in denk-mal

Kommentiere diesen Post

ade 03/28/2009 11:56

Oh Mann, das hat einen ja um - diese Flut an Gedanken... Sehr schön und klar formuliert!
Leider ist vielen Medien ihre Verantwortung ziemlich egal. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Kapital regiert, nicht die Moral.
Soll man nun die Medien verbieten oder zensieren?
Leider sehe ich kaum einen Weg, aber auch die Spielerei und die Inhalte der gängigen Comp.-Spiele seeeehr kritisch.