googeln Sie´s doch mal

Veröffentlicht auf von M.



Freitag Vormittag. Ich stehe im Lieferhof meiner Arbeitsstätte und versuche bei einer Zigarette mal kurz abzuschalten. Es ist bitterkalt hier draußen. Ich blicke in den Himmel und die wenige Natur, die es in so einer Lieferzone anzusehen gibt.  Ein großer Birnenbaum steht im Nachbarhof. Meine Gedanken schweifen.
Ein paar Vögel fliegen vorbei. Und plötzlich sind meine Gedanken bei ihnen. Wo finden Sie wohl Futter? Ob ich auf meinem Balkon wohl noch mehr als die Meisenknödel als Futter (für meine Lieblingsvögel) anbieten sollte? Vögel fressen ja auch gern Obst. Ob das wohl gefriert und ob die Vögel dann noch davon naschen mögen?
Eine Kollegin, die ich nicht kenne, kommt dazu. Sie will ein Gespräch beginnen und ich erzähle ihr von meinem Gedankengang zu den Vögeln im Winter. Sie sieht mich fragend an. Überlegt einen Moment und sagt dann: googeln Sie´s doch mal.
Langes Hmh? meinerseits.
Ich soll das googeln? Stichworte: Vögel, Winter, Obst oder besser Gefrierpunkt von Äpfeln?

Nee. Ich will das nicht googeln.
Früher hätte ich einfach meine Ommi gefragt. Die wusste bestimmt, ob man Vögeln im Winter Obst in die Bäume hängen sollte.
Nun, sie ist schon lange tot. Und mit ihr habe meine erste Adresse für so manch lebenspraktische Frage verloren.
(Wie bekomme ich einen Fettfleck aus einem Seidenstoff?)

Ich habe den Eindruck, dass es immer weniger Menschen gibt, die man einfach fragen kann. Weißt du etwas nicht, dann nutze doch eine Suchmaschine und schon bekommst 22.397 Antworten auf deine einzige Frage.
(Oder wie bei meiner Frage neulich, was eine tätowierte „13“ bedeutet, auch in der weiten virtuellen Welt keine einzige!)

Bei der Arbeit: ich frage eine Kollegin nach einem speziellen Thema und sie verweist mit auf die 42-seitige Arbeitshilfe, die irgendwo im Intranet versteckt ist – wenn du nur mit dem richtigen Stichwort suchst. ..

googlen Sie´s doch mal.
Bei genauerem Nachdenken wirft das wiederum viele Fragen auf.
Gibt es wirklich so viele Fragen ...
Wer fragt überhaupt noch (Menschen)?
Werden wir in naher oder ferner Zukunft, unsere Kinder mit ihren vielen Fragen auch an´s world wide web verweisen?
Warum ist es manchmal so verpönt, ein Gegenüber um Auskunft oder zumindest um Beschäftigung mit der Frage zu bitten?
Hat sich das Wissen so sehr vermehrt, dass wir einfach nicht mehr alles wichtige, lebens- oder arbeitsnotwendige merken können?
Gibt es deshalb so viele ratgebende Bücher, weil die AnsprechpartnerInnen ausgestorben sind?
Suchen Menschen im www bloß nach Antworten auf ihre Fragen?
Muss Wissen heutzutage in kurzen Schlagworten und in reiner Einbahnstraße vermittelt werden?
Führt im Netz das assozierte Beschäftigen mit einer Frage nicht zu einem Verirren?
(Höxchen, Stöckchen, lost in space?)http://stumpfsinns.files.wordpress.com/2009/08/fragezeichen300.jpg

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